Nomadland | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

Fern (Frances McDormand) hat vor einiger Zeit ihren Mann verloren, aber dennoch ist sie in dem gemeinsamen Haus in Empire, Nevada wohnen geblieben. Nun allerdings hat die United States Gypsum Corporation, ein Baustoffhersteller und der einzige große Arbeitgeber der Kleinstadt, dichtgemacht und es gibt keine Jobs mehr. Nicht einmal eine Postleitzahl hat Empire mehr, weswegen Fern in ihrem kleinen Transporter lebt, durch die Vereinigten Staaten fährt und sich von Job zu Job treiben lässt. Sie besteht allerdings darauf, dass sie nicht obdachlos, sondern einfach nur hauslos ist. Fern könnte aufgrund ihrer Qualifikationen jederzeit wieder ein normales Leben führen, doch sie bevorzugt das Leben auf der Straße mit seiner Freiheit, den anderen Menschen und den vielen Bekanntschaften, die man irgendwann wieder trifft. So arbeitet sie etwa in einem Versandlager, bei der Ernte oder in einer Wohnwagensiedlung.

Fazit:

Regisseurin Chloe Zhao hat bereits mit ihrem letzten Film The Rider das Arthousekino begeistert und als Belohnung mit „Eternals“ direkt das krasse Gegenstück dazu übernehmen dürfen – einen gigantischen Marvel-Film. Doch trotz dieser Verantwortung schafft es Zhao scheinend spielend leicht noch kurz einen weiteren Festivalliebling dazwischen zu schieben. Mit Nomadland gewann die Filmemacherin bereits den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig und gehört allein dadurch schon zu den Favoriten.

Nomadland ist ein ruhiges, unaufgeregtes Portrait einer Parallelgesellschaft, die so beispielsweise in den USA existiert, aber vermutlich die wenigsten kennen: den Arbeitsnomaden, die in ihren Autos leben und von Ort zu Ort und Aushilfsjob zu Aushilfsjob ziehen. Was vielleicht auf den ersten Blick nicht sonderlich spannend wirkt, stellte sich letztendlich aber als sehr unterhaltsam für mich raus. Das lag zum einen daran, dass bis auf Oscargewinnerin Frances McDormand (Three Billboards Outside Ebbing Missouri) kaum echte Schauspieler dabei waren, sondern viele echte Nomaden, die ihre Geschichten teilten und sehr authentisch wirkten. Zum anderen fand ich es auch ungemein erfrischend und schön, dass diese Parallelgesellschaft, die oftmals durch schwere Schicksalsschläge diesen speziellen Lifestyle wählte, so inklusiv, uneitel, und hilfsbereit ist.

Es gibt sogar Bootcamps für Einsteigernomaden, die beigebracht bekommen wie Sie auf der Straße alleine klarkommen, angefangen von einem geplatzten Reifen bis hin zur richtigen Größe des Scheißeimers. Jeder hilft jedem in dieser Gesellschaft. „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ scheint gerade unter den Arbeitsnomaden Realität zu sein und so bekommt man along the road fast immer die Möglichkeit sich für die einst entgegengebrachte Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe zu revanchieren.

Diese Geschichte fängt Nomadland mit poetischen, bildgewaltigen Aufnahmen ein – begleitet von einem stimmungsvollen Score durch Ludovico Einaudi. Mir hat Nomadland sehr gut und sogar ein Stück weit besser gefallen als The Rider.

Nomadland gehört dieses Jahr denke ich zu den Filmen, die immer ein Wörtchen mitzureden haben bei der Verleihung der Oscars. Egal ob es beispielsweise die Regie und das Drehbuch von Chloe Zhao sind oder die authentische, uneitle Performance von Frances McDormand – zum Favoritenkreis zähle ich sie allesamt. Nomadland hat auch das größte Momentum um morgen zum Besten Film gekürt zu werden.

The Father | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

Der unabhängige Anthony (Anthony Hopkins) lehnt auch im Alter und zunehmend von Demenz geplagt jegliche Hilfe von seiner Tochter Anne (Olivia Colman) ab. Diese Hilfe wird aber unabdingbar, als Anne beschließt, mit ihrem Mann Paul (Rufus Sewell) nach Paris zu ziehen, und Anthony somit allein in der Wohnung zurückbleiben müsste, in der Anne und Paul mit ihm leben. Dass das nicht funktionieren wird, wird schon daran deutlich, dass Anthony immer wieder sehr durcheinanderkommt. Die Pflegerin Laura (Imogen Poots) soll Anthony helfen, doch auch wenn er sich anfangs charmant gibt: Er hat bereits zuvor andere Pflegerinnen mit seinen Stimmungsschwankungen vergrault.

Fazit:

Ich hätte nie gedacht, dass bei einem Film mit dieser Thematik einmal zu sagen, aber: was für ein Mindfuck. Das was der französische Regisseur Florian Zeller in seinem Regiedebüt und aus seinem bereits erfolgreichen Theaterstück The Father hier auf die Leinwand zaubert, ist ein Mindfuck. Er verlangt mit seiner besonderen Inszenierung dem Zuschauer einiges ab, aber hebt damit The Father auch von anderen Filmen, die das Thema Demenz behandeln wie Still Alice, ab.

Ähnlich wie es Sound of Metal mit der Wahrnehmung der Geräusche machte und dich als Zuschauer teilnehmen lassen hat, wie jemand der sein Gehör zu verlieren scheint seine Umgebung wahrnimmt, so geht Florian Zeller das Thema Demenz an. Der Film wird quasi aus der Perspektive von Anthony Hopkins erzählt, dessen Alltag immer mehr von seiner Demenz geprägt wird und zwischen klaren Momenten auch stetig wachsende Verwirrung erlebt sowie Zeitlinien, Namen, Ereignisse und Personen durcheinanderbringt. Während für ihn alles logisch erscheint und die Probleme bei seinen Mitmenschen liegen müssen, bekommen wir als Zuschauer am eigenen Leib zu spüren, wie in etwa es sein muss für einen Demenzkranken und kommen selbst durcheinander.

Glücklicherweise hatte ich privat noch mit keiner Person zu tun, die an Demenz litt, aber dennoch hat mich dieses Thema und dieser Film mitunter sehr berührt und das Leid für alle Beteiligten aufgezeigt. Ich denke, wenn man im eigenen Leben mit einer dementen Person zu tun hatte, wird The Father besonders betroffen machen. Diese klaren Momente auf der einen Seite, wo Anthony aufzeigt wie charmant er sein kann und dann auf der anderen Seite die krassen Gemütsschwankungen, die ihn zum absolut unausstehlichen Arschloch machen, das keine Gefangenen macht.

Diese Ambivalenz, diese Verletzlichkeit, all diese Nuancen in der Performance meistert Anthony Hopkins überragend. Mit Olivia Colman bekommt Hopkins nicht nur eine Schauspielerin an die Seite, die selbst vor zwei Jahren einen Oscar (The Favourite) gewann, sondern auch ebenbürtig aufspielt und Hopkins mit seinen 83 Jahren wirklich alles abverlangt. Allein die letzten Szenen des Films sind einfach so wahnsinnig gut und so vielseitig, wenn man dann noch die vorangegangenen 80 Minuten betrachtet, bleibt mir nichts anderes übrig als die Daumen für Hopkins zu drücken bei der Preisverleihung – auch wenn er nicht der Favorit ist.

Soll er nach 30 Jahren (Das Schweigen der Lämmer) und zahlreichen – zuletzt für The Two Popes im letzten Jahr – Nominierungen doch bitte nochmal mit dem Oscar ausgezeichnet werden. Florian Zellers The Father ist ein aufwühlendes Kammerspiel mit herausragenden schauspielerischen Leistungen und einer famosen Inszenierung. Für 6 Oscars nominiert, denke ich vor allem, dass Hopkins große Chancen haben wird in der Nacht zum Montag.

Promising Young Woman | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

Das Leben von Cassie (Carey Mulligan) ist auf den ersten Blick ein Scherbenhaufen: Mit 30 Jahren lebt sie immer noch bei ihren Eltern Stanley (Clancy Brown) und Susan (Jennifer Coolidge) und langweilt sich bei ihrer Arbeit in einem Coffee Shop. Doch nachts führt sie ein geheimes Doppelleben und verfolgt ihren Racheplan..

Fazit:

Fantastischer Film. Schwarzhumoriger Thriller, Rachefilm und clevere Gesellschaftskritik in einem. Das Filmdebüt von Emerald Fennell, die sich für die zweite Staffel „Killing Eve“ verantwortlich zeigt, hat ein wunderbares Drehbuch. Diese wirklich guten Dialoge sind mir hier besonders aufgefallen und haben einfach Spaß gemacht.

Ohne zu viel verraten zu wollen, ist es besonders spannend, dass sich Fennell für die Revenge-Geschichte nicht einfach nur auf die offensichtlichen Schweine unter den Männern fokussiert, sondern vor allem auf die sogenannten „Nice Guys“ schießt. Eben jene Nice Guys, die sich selbst nie als das Problem sehen und als Feministen verstehen, aber letztlich ebenfalls schamlos Frauen objektifizieren und sexuell belästigen. Grandios ist an dieser Stelle auch das Casting. Fennell hat hier eine Besetzung von Hollywoods Nice Guys zusammengestellt, die wenn man sie aus ihren früheren Filmen / Serien kennt, wie die Faust aufs Auge für diese Rollen passt.

Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf die Geschichte eingehen oder im Detail erläutern, warum dieser Revengeflick so anders ist im Vergleich zu anderen Genrevertretern, aber ein Anschauen lohnt sich. Großen Anteil hat auch Hauptdarstellerin Carey Mulligan, die eine wunderbare Performance ablieferte und mir nochmal zeigte warum sie zu den besten Schauspielerinnen unserer Zeit gehört. Promising Young Woman legt den Finger in die Wunde und teilt mit einigen Szenen so heftige Schläge in die Magengrube aus, das sie echt unangenehm zu schauen sind und man(n) das ein oder andere Mal nicht weiß, was man machen soll.

Klar Empfehlung für Promising Young Woman, der für 5 Oscars nominiert ist – unter anderem für die Beste Hauptdarstellerin sowie das Beste Drehbuch.

Judas and the Black Messiah | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

In den späten 1960er Jahren wird der 17-jährige Kleinkriminelle William O’Neal (LaKeith Stanfield) in Chicago verhaftet, nachdem er versucht hat, ein Auto zu stehlen, während er sich als Bundesbeamter ausgab. Er wird von FBI-Spezialagent Roy Mitchell (Jesse Plemons) angesprochen, der anbietet, O’Neals Anklage fallen zu lassen, wenn er undercover für das FBI arbeitet. O’Neal wird beauftragt, die Illinois-Sektion der Black Panther Party und ihren Anführer Fred Hampton (Daniel Kaluuya) zu infiltrieren. O’Neal beginnt, sich Hampton anzunähern, der daran arbeitet, Allianzen mit rivalisierenden Gangs und Milizgruppen zu bilden, während er die Gemeinde durch das „Free Breakfast for Children“-Programm der Black Panther unterstützt. Als der Parteivorsitzende Fred Hampton aufsteigt, entbrennt ein Kampf um O’Neals Seele.

Fazit:

Ähnlich wie The Trial of the Chicago 7 trifft Judas and the Black Messiah einen Nerv mit seiner Nacherzählung wahrer Ereignisse. Diese sind zwar zu jeder Zeit wichtig und interessant, aber gerade jetzt vor dem Hintergrund von Black Lives Matter, George Floyd und dem Thema Polizeigewalt, irgendwo noch einmal besonders relevant, obwohl die Ereignisse mehr als 50 Jahre her sind. Zu sehen wie die amerikanische Justiz und Politik systematisch und mit aller Macht versucht haben, die schwarze Community zu unterdrücken und „schwach“ zu halten, tut einfach weh.

Die letzten 10 Minuten des Films sind unfassbar hart, machen betroffen und vor allem wütend. Diese Eindrücke hallen auch Tage später noch nach. Judas and the Black Messiah kann darüber hinaus auch mit starken Darstellern punkten, so dass ich die Nominierungen für Daniel Kaluuya und LaKeith Stanfield definitiv gut heiße – auch wenn es ein wenig merkwürdig ist, dass sich beide in der Nebendarsteller-Kategorie wiederfinden und womöglich gegenseitig die Stimmen stehlen werden.

Klare Empfehlung für Judas and the Black Messiah, dem ich im Rennen um 6 Oscars vor allem Chancen für den besten Song ausrechne.

Mank | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

1940 verkriecht sich Herman J. Mankiewicz (Gary Oldman) auf einer abgelegenen Ranch in der Mojave Wüste. Der nach einem Unfall auf Krücken angewiesene, schwer alkoholkranke Autor soll dort für das Regie-Debüt des neuen Hollywood-Wunderkinds Orson Welles (Tom Burke) in nur 60 Tagen das Skript schreiben – unterstützt von der britischen Schreibkraft Rita (Lily Collins) und der deutschen Krankenschwester Freda (Monika Gossmann). In dem Film geht es um einen reichen Zeitungsmagnaten, einen Menschen wie William Randolph Hearst (Charles Dance), den Mankiewicz 1930 kennenlernte, mit dem er sich anfreundete und schließlich nach turbulenten Jahren entzweite. So wird „Citizen Kane“ zur ganz persönlichen Abrechnung mit Hearst …aber auch mit einem anti-liberalen Hollywood.

Fazit:

Man kann sicherlich von Netflix Investitionspolitik halten was man will und auch viel schimpfen, aber das schier unendliche Geld des Streaming-Giganten bietet vielen Kreativschaffenden der Filmbranche einfach die Möglichkeit sich auszutoben und Projekte zu realisieren, die sonst niemals das Licht der Welt erblickt hätten, weil sie zu riskant für die Studiobosse sind. So ein Stoff ist auch Mank.

Das Drehbuch über die turbulente Entstehungsgeschichte des laut vielen vielleicht besten Films der Geschichte „Citizen Kane“ stammt von dem bereits verstorbenen Jack Fincher – Vater der Regielegende David Fincher (Fight Club, The Social Network, Sieben). Dieses Drehbuch entstand zum Großteil bereits so vor mehr als 20 Jahren, doch ein Schwarz-Weiß-Film über einen Drehbuchautoren der 30er Jahre klingt nun mal nicht nach einem Kassenschlager und verschwand für knapp 2 Jahrzehnte in der Schublade, bis David Fincher von Netflix einen Freifahrtschein für sein nächstes Projekt bekam. Mit Mank ehrt er nicht nur Citizen Kane, den Lieblingsfilm seines Vaters, sondern auch seinen Vater Jack posthum.

Es ist definitiv kein Film für jeden Kinobesucher, Mank richtet sich ganz klar an das cinephile Publikum, das gerne in die Klassiker und das alte Hollywood eintaucht. Dabei nimmt Fincher nicht immer Rücksicht auf Verluste und ballert seine Zuschauer mit allerhand Referenzen sowohl an Citizen Kane als auch an die Ursprünge Hollywoods und der Filmindustrie zu. Dabei inszeniert er seinen Film schwarz-weiß und in vielen anderen Aspekten wie es bei Citizen Kane damals selbst war. Auf allen handwerklichen Ebenen von Ausstattung, über Soundtrack bis hin zu Kamera und Kostümdesign, brilliert Mank wenig überraschend auf ganzer Linie.

Dass man dazu dann noch eine Hammerbesetzung hat, die durch Oscar-Gewinner Gary Oldman in der titelgebenden Hauptrolle sowie der sehr starken Amanda Seyfried angeführt wird, rundet Mank perfekt ab. Mank ist sicherlich der offensichtlichste Hollywood/Oscarfilm dieses Jahr, bei dem einfach alles nach Oscars aussieht, aber der Topfavorit ist mit seinen 10 Nominierung auch zurecht das heiße Eisen im Kampf um die Goldjungen.

Sound of Metal | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

Der Drummer Ruben (Riz Ahmed) tourt gemeinsamen mit der Sängerin Lou (Olivia Cook) durch die USA, um in Clubs im ganzen Land als Metal-Duo aufzutreten. Auch privat sind die beiden miteinander liiert. Aber dann hat Ruben plötzlich Probleme mit seinem Gehört. Ein Besuch beim Arzt, den er Lou zunächst noch verheimlicht, bringt Gewissheit: Vermutlich wird das mit dem Hören immer nur noch schlimmer und am Ende könnte die totale Taubheit stehen. Nachdem er sich zunächst noch dagegen sträubt, quartiert sich Ruben schließlich doch in einer Einrichtung ein, die extra dafür da ist, dass sich taube Menschen an ein Leben ohne Gehör gewöhnen. Allerdings sind Hörende dort explizit unerwünscht – weshalb Ruben diese schwierige Erfahrung ohne seine Lou meistern muss.

Fazit:

Sound of Metal erzählt die Geschichte eines Ex-Junkies und Drummers, für den die Musik ein Ventil und sein ganzes Leben ist als er plötzlich durch den Verlust seines Gehörs das alles verliert. Meiner Meinung nach gelingt es dem Film sehr gut, darzustellen wie es wohl sein muss, wenn man plötzlich sein Leben in Scherben vorfindet und alles was es bis dato ausmachte einem genommen wird. Plötzlich gehörst du weder zu deinem alten Leben, der alten Gesellschaft die du kanntest, noch gehört Ruben direkt zur Community der Gehörlosen, weil er sich auch dort nicht verständigen kann.

Riz Ahmed trägt diesen Film ganz wunderbar mit seiner subtilen aber dennoch ausdrucksstarken Art des Schauspiels. Zusätzlich bleibt mir vor allem das Sound Design im Kopf, welches die Wahrnehmung von Riz Ahmeds Charakter Ruben imitiert und man eben Dinge so hört wie er es tut – Laut, lebendig und intensiv zu Beginn und zerstückelt, einsam und still, wenn er sein Gehör verliert und dann nochmal eine weitere Ebene zum Schluss des Films, die ich hier nicht vorwegnehmen will.

Besonders gut neben diesen beiden Aspekten hat mir gefallen, wie Sound of Metal die Welt der Gehörlosen darstellt, was auch viel mit Paul Raci zu tun hat, der im Film den Leiter der Gehörlosen-Community spielt und auch im echten Leben von zwei taub-stummen Eltern großgezogen wurde und fließend Zeichensprache spricht. Schön, dass man sich hier für Authentizität statt für einen großen Hollywoodnamen entschieden hat. Auch die bittersweete Note am Ende empfand ich als gelungen.

6 Oscars wird Sound of Metal zwar nicht gewinnen, aber ich denke in der Best Sound, sowie den beiden Darstellerkategorien kann man sich zumindest gute Chancen ausrechnen

The Trial of the Chicago 7 | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

Chicago, 1968: Es kommt vermehrt zu zunächst friedlichen, von der Hippie-Kultur geprägten Demonstrationen rund um einen Parteitag der Demokraten, die sich vor allem gegen den Vietnamkrieg richten. Als die Polizei aber schließlich eine Ausgangssperre verhängt und mit aller Kraft durchsetzt, kommt es fünf Tage und Nächte lang zu gewalttätigen Krawallen. Hunderte Menschen werden in dem Gefecht zwischen der mit Tränengas und Schlagstöcken vorgehenden Polizei und den Demonstranten verletzt – auch Journalisten beklagen, von Polizisten niedergeknüppelt worden zu sein. Ihre Kameras und Filme: zerstört und beschlagnahmt. Doch auch wenn der Stab von US-Präsident Lyndon B. Johnson die Verantwortung für die Ausschreitungen bei der Polizei sieht, werden sieben vermeintliche Rädelsführer der Unruhen vor Gericht gestellt. Die Angeklagten u.a. Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen), Jerry Rubin (Jeremy Strong), Tom Hayden (Eddie Redmayne) und Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen) werden beschuldigt, die Krawalle bewusst provoziert zu haben – und müssen sich monatelang vor Gericht stellen, während zahlreiche Aktivisten und Kulturschaffende die Einstellung des Verfahrens mit weiteren Protesten fordern.

Fazit:

Aaron Sorkin (The Social Network, Steve Jobs) ist der vielleicht bekannteste Drehbuchautor unserer Zeit und für mich auch der beste. Ich liebe seine Stakkato-Dialoge, die so kein anderer vermag zu schreiben. Es ist klasse wie er es schafft, trotz komplexer und komplizierter Stoffe über mehrere Zeitebenen, immer einen Fluss zu schaffen, den man letztlich nur als leichtfüßig und elegant beschreiben kann. Selbst wenn ein Film 2,5h geht, hat man mit ihm nie das Gefühl, dass ein Film zu lang oder gar dröge ist.

Nach dem herausragenden Molly’s Game hat Sorkin für Netflix und The Trial of the Chicago 7 wieder auf dem Regiestuhl Platz genommen. Dass er spannende Gerichtsdramen kann, bewies er bereits vor 30 Jahren bei seinem Debüt mit Eine Frage der Ehre – auch wenn ihr die Wahrheit nicht vertragen könnt! In The Trial of the Chicago 7 vereint Sorkin wieder ein Hammerensemble, das auch hier unter seiner Führung wie gewohnt brilliert. Allen voran Sacha Baron Cohen, bei dem mir direkt klar war, dass er eine Nominierung für den Besten Nebendarsteller bekommen wird – auch wenn er nun nicht mehr die Favoritenrolle hat.

Dass das Gerichtsverfahren um eine Gruppe Anti-Kriegs-Aktivisten nach einer aus dem Ruder gelaufenen Demonstration damals die reinste Farce war und offensichtlich politisch missbraucht wurde, fangen Sorkin und sein Team virtuos ein und kommt vor allem immer wieder gut zur Geltung, wenn der Richter – stark gespielt von Frank Langella – mal wieder im Alleingang ein faires Verfahren blockiert.

The Trial of the Chicago 7 ist ein 129 Minunten langes, aber kurzweiliges Gerichtsdrama mit famosen Cast und starkem Drehbuch, dem ich von den 6 Oscar Nominierungen hauptsächlich Chancen für Sorkin einräume.

Minari – Wo wir Wurzeln schlagen | Kritik / Review (Oscars 2021)

Storyanriss:

Jacob (Steven Yuen) und Monica Yi (Yeri Han) sind mit ihrer Tochter Anne (Noel Cho) und ihrem Sohn David (Alan S. Kim) aus Südkorea nach Amerika immigriert. Dort leben sie zuerst in Kalifornien, wo Mutter und Vater mit dem Sortieren von Küken nach Geschlecht ein mageres Einkommen verdienen. Jacob träumt jedoch von einer eigenen Farm und siedelt deswegen mit seiner Familie schließlich nach Arkansas über, wo Grundbesitz günstiger ist. Dort lebt die Familie fortan in dem Wohnwagen, in dem schon der vorherige Besitzer des Landes lebte und an dem Versuch scheiterte, eine Farm zu gründen. Und auch für Familie Yi ist das leichter gesagt als getan: Monica ist am Ende ihrer Kräfte und Jacob verzweifelt daran, dass er nicht für seine Familie sorgen kann. Immerhin kann die aus Südkorea nachgereiste Großmutter der Kinder, Soonja (Youn Yuh-jung), die Familie etwas unterstützen.

Fazit:

Regisseur und Autor Lee Isaac Chung erzählt in Minari nicht nur seine eigene Geschichte, basierend auf seinen Kindheitserinnerungen, sondern auch ein weiteres Kapitel rund um den Mythos des American Dreams – eben jenen amerikanischen Traum, der jedem hartarbeitenden Amerikaner einräumt vom Tellerwäscher zum Millionär aus eigener Kraft zu werden. Das koreanisch-amerikanische Familiendrama folgt dem letztjährigem Oscar-Sieger „Parasite“ von Bong Joon-Ho und kann sich neben viel Liebe auf Filmfestivals wie dem Sundance Festival vor allem auch über gleich 6 Oscar-Nominierungen freuen.

Minari gelingt es die amerikanische und koreanische Kultur zu verweben ohne dabei in die Klischeefalle zu tappen und wird meiner Meinung nach vor allem durch die sehr starke Chemie und dem tollen Schauspiel aller Beteiligten getragen. Egal ob es sich dabei um das Zusammenspiel des The Walking Dead Stars Steven Yeun und seiner Filmfrau Yeri Han handelt oder um die Kinderdarsteller, die immer vor allem dann auftrumpfen, wenn sie mit der kautzigen Großmutter, gespielt von Oscarfavoritin Yuh-jung Youn sich Szenen teilen.

Lee Isaac Chung gelingt hier ein ganz ruhiges, ehrliches Drama mit starken Bildern über den amerikanischen Traum, das vor allem von seinen unaufgeregten aber stark aufspielenden Darstellern lebt und sich gerade dort Hoffnungen auf einen Oscar machen darf.

Parasite | Kritik / Review (Oscars 2020)

Storyanriss:

Die vierköpfige Familie Kim ist schon sehr lange arbeitslos, weshalb der Vater Ki-taek (Kang-ho Song) zusammen mit seiner Frau Chung-sook (Hyae Jin Chang) und seinen Kindern Ki-woo (Woo-sik Choi) und Ki-jung (So-dam Park) in einem runtergekommenen Keller unter ärmlichen Bedingungen haust. Wenn sie sich nicht gerade mit Aushilfsjobs, wie dem Zusammenfalten von Pizzakartons über Wasser halten, versuchen sie in die hintersten Winkel ihrer Behausung zu kommen, um etwas vom WLAN der anderen Mitbewohner abzugreifen. Als der jüngste Sprössling es schafft, bei der gut situierten Familie Park einen Job als Nachhilfelehrer an Land zu ziehen, bietet das der Familie einen Ausweg aus der Arbeitslosigkeit.

Fazit

Virtuos inszeniertes Meisterwerk von Bong Joon Ho, der zuletzt mit Filmen wie Snowpiercer & Okja zwar immer coole Ideen hatte, doch in letzter Konsequenz immer Etwas fehlte, um das Ganze richtig rund zu machen. Diese Meisterleistung und Rückkehr zu alter Stärke gelingt ihm dieses Mal mit Parasite meines Erachtens nach zu hundert Prozent.

Weg vom hochkarätigem Hollywoodcast seiner letzten Projekte, erzählt Bong Joon Ho hier eine kleine, aberwitzige und gleichzeitig bedrückende koreanische Geschichte über die größer werdende Schere zwischen arm und reich. Das alles bis auf seinen Stammschauspieler Kang-ho Song mit einem für westliche Verhältnisse eher unbekanntem Cast.

Parasite ist einer dieser perfekt in Szene gesetzten Filme, die durch die Fähigkeiten an der Kamera, Ausstattung und das Set-Design aus jeder Einstellung ein Bildschirmschoner-Motiv entstehen lässt. Zum Beispiel die Wohnung der Protagonisten oder Stichwort „Regenfall“ stellten für mich immer wieder optische Highlights dar. Das Schauspielensemble spielte sehr stark auf und gerade die Schauspielerinnen stachen durch ihr Spiel heraus und brachten diese einzigartige Geschichte überragend auf die Leinwand.

Mir gefiel eben genanntes Drehbuch besonders gut, weil es neben der kreativen Geschichte mit seinem straffen, nahezu perfektem Pacing dafür sorgte, dass sich dieser 2h-Film für mich zu keinem Zeitpunkt bei meinen beiden Kinobesuchen so anfühlte. Oft neigt das asiatische Kino eher zu einem gemächlichen Tempo – bei Parasite sucht man das vergebens.

Wenn möglich würde ich die original koreanische Version mit Untertiteln vor der deutsch synchronisierten Variante bevorzugen, aber dennoch kann ich Parasite nur jedem Filmfan, der offen für koreanisches Kino ist, wärmstens empfehlen. Bestenfalls keine Trailer sehen und einfach überraschen lassen. Das Filmfestival in Cannes hat er bereits gewonnen, den Favoritenstatus bei den Auslands-Oscars hat er für mich nun auch Inne.

Parasite war die #1 auf meiner Top-Liste 2020 und bleibt auch unter den Oscar-Nominierten mein Favorit. Ich freue mich riesig, dass Parasite neben der Auslands-Oscar-Kategorie auch bei den Großen um den Besten Film mitspielen darf. Dort könnte er am Ende noch am ehesten in den Zweikampf von Once Upon a Time in Hollywood und 1917 eingreifen und der strahlende Dritte werden. Auch in der Regiekategorie stehen die Chancen Bong Joon Hos am Ende zu triumphieren gar nicht mal so schlecht.

Parasite bestätigt wieder einmal, wie gut koreanisches Kino sein kann und ist ein klares Film-Highlight des letzten Jahres.

1917 Kritik / Review (Oscars 2020)

Storyanriss:

Der Erste Weltkrieg befindet sich im April 1917 auf seinem grausamen Höhepunkt. In Nordfrankreich belagern sich deutsche und britische Einheiten in ihren Schützengräben, ohne auch nur einen Zentimeter vorzurücken. Die Moral der Truppen wird zunehmend schlechter. In dieser Situation werden die in Nordfrankreich stationierten, britischen Soldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman) von ihrem Vorgesetzten General Erinmore (Colin Firth) mit einem ebenso dringlichen wie gefährlichen Auftrag bedacht: Sie sollen das zerbombte Niemandsland zwischen den deutschen und britischen Schützengräben durchqueren und eine Nachricht an ein anderes britisches Bataillon überbringen. Dieses ist nämlich kurz davor, in einen deutschen Hinterhalt und damit in den Tod zu stürmen. Wenn die beiden jungen Rekruten es nicht rechtzeitig schaffen, werden mehr als 1.500 britische Soldaten sinnlos ihr Leben verlieren – darunter auch Blakes älterer Bruder.

Fazit:

1917 ist der Überflieger der Stunde. Der Kriegsfilm von Sam Mendes kam erst relativ spät ins Oscar-Rennen und surfte seitdem auf einer Erfolgswelle von Award zu Award.

Ich muss zugeben, dass dieser Erfolg völlig überraschend für mich kam. Als es vor Monaten die ersten Trailer gab zum Film, war ich alles andere als angetan. Absolut belanglos wirkte der 1917 für mich. „Ein weiterer Kriegsfilm“ dachte ich, doch zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was der Kniff des Filmes sein würde. Denn was den Film auszeichnet ist seine Machart. Sam Mendes und Kameralegende Roger Deakins inszenieren hier einen Film im One-Shot. Zumindest in der Illusion eines One-Shots.

Ähnlich wie bei Birdman, gibt es zwar Schnitte, aber durch Editing und handwerklichen Tricks, gelingt es hier diesen Film wie aus einem Guss wirken zu lassen. Ich liebte bereits Birdman und finde diese Idee sehr spannend. Vor allem ein Kriegsfilm, mit Actionszenen, Explosionen, hunderten Statisten, riesigen Kulissen/Sets wirft unfassbar viele Hürden auf. Das Filmexperiment ist sehr anspruchsvoll und wurde meisterhaft umgesetzt.

Das Drehbuch per se gibt jetzt nicht so viel her im Vergleich zu Konkurrenz und die Nominierung kann ich nicht so ganz nachvollziehen, aber in allen anderen Aspekten trumpft 1917 groß auf. Wenn Deakins nicht nach Blade Runner 2049 erneut einen Oscar für die Kameraarbeit bekommt, dann wäre ich sehr überrascht. Soundtrack, Make-Up, Production Design, Visuelle Effekte, Kamera und Regie tragen so sehr zu dieser Atmosphäre bei und lässt uns für zwei Stunden auch die Grausamkeiten dieses Krieges glaubhaft spüren.

1917 gilt aktuell in vielen Kategorien, unter anderem für Bester Film und Beste Regie, als großer Favorit. Für mich ist 1917 ein herausragendes Achievement in Film und sehr gut, aber dennoch nicht mein persönlicher Favorit dieses Jahr.